Mann sagt Nein zu Alkohol

Viele Menschen mit einem schädlichen Gebrauch von Alkohol möchten eines Tages wieder ein «Gläschen Wein» zu einem guten Abendessen geniessen, oder aber zu gesellschaftlichen Anlässen ein wenig Alkohol konsumieren. Ist moderater Konsum nach einer Sucht aus medizinischer und suchttherapeutischer Sicht möglich?

Aus medizinischer Sicht verdichtet sich die Datenlage dahin, dass auch schon moderater Alkoholkonsum die Funktionsweise des Gehirns negativ beeinflusst. So wurde beispielsweise selbst bei einem moderaten Konsum eine Volumenabnahme in jenem Hirnbereich gefunden, der ein essentieller Teil unseres Gedächtnisses und unseres Erinnerungsvermögens beinhaltet. In Bezug auf die Gesundheit liegt die Empfehlung somit auf der Hand: Die vollständige Abstinenz ist vorzuziehen.

Die Mär vom gesunden Rotwein

Weiterhin ist es mittlerweile Allgemeinwissen, dass es kaum ein Organ gibt, welches nicht durch Alkohol geschädigt wird. Dass Rotwein vor Schlaganfällen schützt, ist beispielsweise ein weit verbreiteter Irrtum. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Selbst kleine Mengen Alkoholkonsum steigern den Blutdruck und allein dadurch wird das Schlaganfall- und Infarktrisiko gesteigert. Ein Glas Traubensaft hätte den gleichen schützenden Effekt wie ein Glas Rotwein durch die Antioxidantien, die in den roten Trauben vorhanden sind. Nun, Rotwein als gesundheitsfördernd anzusehen, ist vergleichbar mit dem Ansatz, für die Gesundheit auf einer Giftmülldeponie joggen zu gehen.

Alkohol wirkt auf fast alle Organe und Systeme

Dass Alkohol Schaden an der Leber ausrichten kann, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt ist, dass auch andere Organe und Organsysteme betroffen sein können. Einige der hauptsächlichen, durch Alkohol verursachten Erkrankungen:

• Mundkrebs
• Speiseröhrenkrebs
• Kehlkopfkrebs
• Leberkrebs
• Magen-, Darm- und Enddarmkrebs
• Brustkrebs
• Leberzirrhose
• Kardiovaskuläre Erkrankungen, einschliesslich Herzinfarkt und Anämie
• Magengeschwüre
• Bauchspeicheldrüsenentzündung
• Neurodegenerative Erkrankungen mit Hirnabbau, Demenz, Wernicke-Korsakoff
• Alkoholische Neuropathie u.a. Muskelschwäche, Inkontinenz, Verstopfung, Erektionsstörungen
• Psychische Erkrankungen, Depressionen

Es ist belegt, dass Alkohol ein Nerven- und Zellgift ist. Es hat direkt giftige Wirkung auf die Nervenzelle, darüber hinaus entzieht es Zellen Wasser und schädigt damit jede Körperzelle.

Nur 1,6 % der Patienten schaffen moderaten Konsum

Alkoholkonsum wird in unserer Gesellschaft verharmlost und bagatellisiert. Vor diesem Hintergrund mag Abstinenz als zu radikal erscheinen. Ist nun die Kompromisslösung des kontrollierten Trinkens die realistischere Lösung? Die Suchtmedizin hat eine kritische Haltung gegenüber dem sogenannten «kontrollierten Trinken». Langzeituntersuchungen zeigen, dass nur etwa 1,6 % aller Patienten, die sich wegen eines Überkonsums von Alkohol in Behandlung befanden, zu einem stabil moderaten Konsum zurückkehren konnten. Das Wesen der Abhängigkeitserkrankungen, wie auch der Alkoholkrankheit, ist gerade der Kontrollverlust gegenüber dem Konsum. Es gibt Hinweise darauf, dass ab einem gewissen Grad der Alkoholabhängigkeit die zugrundeliegenden Mechanismen stärker werden. Bei erneutem Alkoholkonsum, so die wissenschaftlichen Untersuchungen, verfestigen sich die den Konsum bedingenden neurobiologischen Veränderungen der Suchterkrankung weiter.

Vorteile und Substitution

Gleichwohl können auch Vorteile des kontrollierten Konsums gesehen werden. Beispielsweise haben betroffene Menschen so eine Wahl zwischen verschiedenen Behandlungskonzepten, die Schwelle zu einem Eintritt in eine Behandlungseinrichtung kann gesenkt werden und möglicherweise könnte sich auch bei einem gewissen Anteil der betroffenen Menschen eine bessere Prognose ergeben.
Ein häufig genanntes Argument für ein kontrolliertes Trinken resultiert aus dem Modell der Substitution, wie es vornehmlich im Bereich der Opiatabhängigkeitserkrankungen erfolgreich angewendet wird. Dort sind Substitutionsstellen bis hin zur kontrollierten Abgabe von Heroin besonders zur sozialen Schadensminderung mittlerweile im breiten Konsens des Gesundheitssystems.

Medikamente überzeugen nicht restlos

Diskutiert wird im weiteren Zusammenhang auch die Abgabe von Medikamenten, welche das Verlangen nach Alkohol reduzieren sollen. Als vielversprechende Wirkstoffgruppe ist an dieser Stelle eine Gruppe von Medikamenten zu nennen, welche Teile des internen Belohnungssystems (spezifische Opiatrezeptoren) blockieren. Die Datenlage hierzu ist nicht restlos überzeugend, über die Möglichkeit einer solchen Medikation sollte aber im Sinne der Schadensminderung informiert werden.
Festzuhalten ist, dass in Fällen einer bereits ausgeprägten Alkoholabhängigkeitserkrankung die Wahrscheinlichkeit für ein Wiederauftreten des Kontrollverlustes über den Konsum hoch ist.

Fazit

Zusammenfassend erscheint kontrolliertes Trinken als eine Erweiterung der Erfolgskriterien und als gemeinsames Behandlungsziel mitunter sinnvoll zu sein. Dadurch wird auch die Trinkmengenreduktion als der Erfolg dargestellt, der es ist. Aus aktueller Sicht kann kontrolliertes Trinken allerdings als Ausgangspunkt der Motivation der Betroffenen zur Erreichung von Abstinenz dienen.
Der direkte Weg zur Abstinenz hingegen ist in der Regel der einfachere Weg. Nicht unbedingt leichter, sondern einfacher, da sich bei Abstinenz nicht mehr die Frage stellt geht, wieviel hatte ich schon, wieviel darf ich noch.

Autor: Alexander Steinhoff, Oberarzt

Quellen:
1. Jessica Storbjörk, Commentary on Witkiewitz et al.: Abstinence or moderation—a choice for whom and why? 2017
2. Mann et al., Reduced Drinking in Alcohol Dependence Treatment, What Is the Evidence? 2017
3. Lopez et al., Efficacy of Naltrexone for the Treatment of Alcohol Dependence in Latino Populations. 207
4. Topiwala et al., Moderate alcohol consumption as risk factor for adverse brain outcomes and cognitive decline: longitudinal cohort study. 2017