Recovery Therapie

Sucht ist in vielen Fällen schwieriger zu therapieren als eine körperliche Krankheit. Die psychische Abhängigkeit bei starkem Substanzmissbrauch werden Süchtige kaum mehr los. Mit einer langfristigen Therapie kann eine Suchterkrankung zwar nicht eliminiert, aber deren negative Auswirkungen überwunden werden. Ein grosses Stück Lebensqualität lässt sich so zurückgewinnen.

Sucht ist erwiesenermassen keine Charakterschwäche, sondern eine Krankheit. Ab welchem Zeitpunkt ist man geheilt? Wie lange muss man abstinent sein, um die Krankheit überwunden zu haben? Wer bestimmt, wann man kuriert ist? Und anhand welcher Kriterien? Sind Süchtige geheilt, wenn sie ein Jahr lang keinen Rückfall hatten? Oder erst nachdem sie 10 Jahre lang clean waren? Warum kann jemand nach 4 Jahren Abstinenz wieder rückfällig werden und noch tiefer sinken als jemals zuvor?  Die Antworten auf diese Fragen sind komplex und nicht so leicht zu beantworten wie bei einer körperlichen Erkrankung.

Bei rein physischen Krankheiten ist der klinische Befund einfacher. Angenommen, es wurde Krebs diagnostiziert. Dann heisst es zuerst nicht selten: hoffnungslos, unheilbar, zu weit fortgeschritten. Es folgt eine Chemo-Therapie – die Werte werden besser. Danach Bestrahlung – die Blutwerte sind wieder gut. Der Krebs wurde besiegt. Der Patient ist geheilt. Suchterkrankungen hingegen sind eher vergleichbar mit chronischen Krankheiten wie Diabetes, welche eine lebenslange Behandlung benötigen. Mit den richtigen Massnahmen kann man die Auswirkungen und Folgen der Erkrankung gut in den Griff bekommen.

Recovery – eine lebenslange Herausforderung

So wie sich auch andere schwere psychische Krankheiten in vielen Fällen erfolgreich therapieren lassen, aber bei vielen die Gefahr von Rückfällen bestehen bleibt, ist dieses Risiko auch bei einer Suchterkrankung langfristig vorhanden. Recovery Konzepte gehen davon aus, dass durch einen anhaltenden Genesungsprozess die Gefahr von Rückfällen massgeblich reduziert werden kann und gleichzeitig die Lebensqualität gesteigert wird.

Warum ist eine Recovery bei Suchterkrankungen der richtige Weg?

Wenn der Konsum bewusstseinsverändernder Substanzen aufgegeben wird, wird die Krankheit zwar zum Stillstand gebracht, aber „geheilt“ sind die Betroffenen nicht. Die Krankheit schlummert weiter, auch bei abstinenten Süchtigen, und es bedarf grosser Acht- und Wachsamkeit, um nicht rückfällig zu werden. Bei einer Suchterkrankung kommen zusätzliche Herausforderungen auf den Patienten zu: Selbst nach vielen Jahren Abstinenz besteht die Gefahr eines Rückfalls. Es scheint oft so, als ob sich die Sucht in den Verhaltensmustern der Betroffenen festgesetzt hat. Haben sie mit dem Drogenkonsum aufgehört, neigen sie in der Folge oft zu unkontrolliertem Verhalten in anderen Bereichen – es kommt zu Exzessen beim Sex, Sport, Essen oder bei der Arbeit. Es fällt ihnen schwer, massvoll und verantwortungsvoll mit sich selbst umzugehen. Sie neigen dazu, sich zu schaden, zu überschätzen und zu überfordern. Recovery schliesst alle Lebensbereiche ein. Die persönlichen Grenzen zu kennen und zu wahren, liebevoll mit sich selbst umzugehen und gut für sich zu sorgen sind lebenslange Herausforderungen. Für alle Menschen und insbesondere für Süchtige.

Aufarbeitung der Vergangenheit als Basis für eine gesunde Zukunft

Der verantwortungsvolle Umgang mit sich selbst und das Setzen von Grenzen ist Süchtigen abhandengekommen. Sie wollen immer mehr, selbst wenn sie sich dadurch zerstören, selbst wenn Kinder und Partner darunter leiden und der Verlust der Liebsten droht. Nichts und niemand scheint Süchtige stoppen zu können. Oftmals kommen sie erst zur Besinnung, wenn der Tiefpunkt erreicht ist. Viele entscheiden sich erst dann zu einer Therapie. Der Genesungsprozess beginnt mit Abstinenz und einer medizinisch-therapeutischen Begleitung, bei der optimalerweise auch Peers, Menschen mit eigener Suchtvergangenheit, in die Therapie eingebunden sind – sie bringen motivierende Erfahrungen ein. Der therapeutische Weg über die Recovery in eine selbstbestimmte, drogenfreie Zukunft führt oft zurück in die Vergangenheit. Viele Abhängige tragen tiefe Verletzungen aus der Kindheit mit sich, die es aufzuarbeiten und aufzulösen gilt. Getragen durch die Gemeinschaft in Selbsthilfegruppen und mithilfe von Gruppentherapien und Einzelsitzungen lernen Abhängige, dass es andere Wege gibt, mit Verletzungen umzugehen, als wieder zu konsumieren.

Recovery: Verantwortung für die eigene Genesung übernehmen

Zahlreiche süchtige Menschen verfügen über grosses Potential und viel Kreativität. Diese Fähigkeiten entfalten sich jedoch erst auf eine gesunde Weise und mit voller Kraft, wenn sie abstinent sind. Das Leben wird einfacher und lebenswerter, je länger sie clean sind. Dazu bedarf es der permanenten Arbeit an sich selbst. Und es benötigt das Bewusstsein der Süchtigen, dass sie nicht verantwortlich sind für ihre Krankheit, aber Verantwortung für ihre Genesung übernehmen können. Eine Verantwortung, die sich in viel zurückgewonnener Lebensqualität auszahlt.

Autoren:
Sandra Hingorani, Peer/Administration
Alex Eichmann, Peer/Technik