Als Psychologiestudentin habe ich in der Curaneo-Tagesklinik ein Praktikum absolviert. Die lehrreiche Zeit hat meine Ansichten über suchtkranke Menschen grundlegend verändert. Ein paar persönliche Gedanken zu meinem Gesinnungswandel.

Ich dachte immer, ich wüsste alles über Suchterkrankungen, was man wissen muss. Dieses Wissen habe ich primär von meinem Psychologiestudium, aber auch von meinen sehr spärlichen Erfahrungen mit Süchtigen. Meine Annahme war, dass Sucht eine rein körperliche Abhängigkeit sei. Der Körper gewöhne sich an eine Substanz und der chemische Einfluss mache dann mit der Zeit abhängig – mit den einen Drogen schneller, mit anderen langsamer. Seit meinem Praktikum bei Curaneo hat sich Verständnis von Suchtkrankheit stark erweitert.

Seelischer und körperlicher Schmerz.

Was verursacht eine Suchterkrankung eigentlich? Warum kommt man nicht einfach davon weg? Warum nimmt man Drogen? Bei Curaneo habe ich immer wieder gesehen, wie wichtig die Frage nach der Ursache des Drogenkonsums eigentlich ist. Wenn man ein Gefühl beziehungsweise eine Situation immer wieder mit Drogen kurzfristig unterdrückt oder betäubt, ist das eine Art Selbstregulation. Hinter dem Konsum steckt jedoch sehr viel mehr als nur Substanzmissbrauch, nämlich vor allem seelischer und auch körperlicher Schmerz. Früher habe ich immer gedacht, ich könnte mich überhaupt nicht mit süchtigen Menschen identifizieren. Ich nahm an, dass sich Süchtige bewusst für die Sucht entschieden hätten und die körperliche Abhängigkeit nur genug Willensstärke benötige, um sich aus der Sucht zu befreien. Dies verleitete mich zu einem stigmatisierenden Bild von Süchtigen. Ich sah sie als egoistische, unverantwortliche, unzuverlässige und nicht vertrauenswürdige Menschen.

Schlüsselerlebnis Einzel- und Gruppentherapie.

Bei Curaneo habe ich Patienten im Gruppen- sowie Einzelsetting erleben dürfen, was mein Bild sehr schnell veränderte. Ich habe viel Sympathie und Mitgefühl für die Betroffenen empfunden. Ich lernte vielfältige und interessante Persönlichkeiten kennen. Grosse, intensive Gefühle kamen bei ihnen während der Therapie zum Ausdruck, die mich einmal sogar zum Weinen brachten. Man konnte förmlich spüren, wie viel Emotionen und Schmerzen im Raum vorhanden waren. Ich war sehr ergriffen und musste mich anschliessend emotional und auch körperlich wieder beruhigen. Es war berührend und eine prägende Erfahrung.

Von der Gruppengemeinschaft profitieren.

Ich habe mich mit dem Thema Sucht immer wieder beschäftigt, vermutlich, weil ich diese Erkrankung nicht verstehen konnte oder wollte. Die Vorstellung, Sucht sei eine rein körperlich bedingte Erkrankung, erwies sich im Laufe der Zeit bei Curaneo mehr und mehr als falsch. Interessanterweise fiel mir während des Praktikums auf, dass Süchtige von einer Gruppengemeinschaft profitieren. Die Patienten haben viel offener Emotionen gezeigt, waren ehrlich anderen gegenüber und haben einander unterstützt. Hierbei konnte ich erstaunlich positive Entwicklungen beobachten. Sie kamen sehr gerne in die Therapie und man spürte, dass es ihnen besser geht und sie sich sehr gut aufgehoben fühlen. Daraus schloss ich, dass soziale Akzeptanz, Verbundenheit und Unterstützung enorm wichtig für die Genesung von Süchtigen sein können.

Der erfolgreiche Banker, die berufstätige Mutter.

Die Unterstützung innerhalb der Gruppe sowie vom Betreuungsteam gibt Patienten das Gefühl, nicht auf die Sucht reduziert zu werden, sondern als Mensch wahrgenommen zu werden, der Unterstützung bei der Lösung eines Problems benötigt. Um bei dieser Problematik zu helfen, schafft Curaneo eine Umgebung, in der man die Menschen so annimmt, wie sie sind. Menschen wie der erfolgreiche Banker, der merkt, dass er dem steigenden Druck am Arbeitsplatz nicht mehr alleine standhalten kann. Oder die berufstätige Mutter, die gleichzeitig Familie und Arbeit in der Balance halten muss und dabei ihre eigenen Bedürfnisse immer wieder hinten anstellt. Menschen, die mitten im Leben stehen und merken, dass der Konsum einer Substanz zu einem essenziellen Problem ihres Eigenwohls oder auch das ihres sozialen Umfelds werden könnte oder möglicherweise bereits ist.

Abschliessend möchte ich sagen, dass ich mir nach dem Praktikum bei Curaneo – ursprünglich bin ich eine eingeschworene Forscherin – zukünftig sehr gut vorstellen kann, im klinischen Setting zu arbeiten. Darüber hinaus wurde mein Bild von Menschen mit Suchterkrankungen über die vielen Erfahrungen bei Curaneo grundlegend verändert.
Ich möchte mich für die vielen Einblicke, Erfahrungen und Bereicherungen bei den Patienten und dem Curaneo-Team ganz herzlich bedanken.

Autorin: Antonia Tkalcec, Psychologie-Praktikantin