Es ist eine weitverbreitete Meinung, dass Sucht vor allem eine Charakterschwäche ist. Das ist falsch. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Sucht eine chronische Erkrankung des Hirns ist, die mit den richtigen Methoden erfolgreich therapiert werden kann. Wie und warum wird ein Mensch süchtig? Und welche Voraussetzungen benötigt es, um die Sucht zu überwinden?

Alle unsere Empfindungen wie Freude und Zufriedenheit, Geborgenheit und Sicherheit, Traurigkeit, Anspannung, Verzweiflung und Schmerz werden in unserem Gehirn durch Botenstoffe übermittelt.

Was ist Sucht

Psychoaktive Substanzen, darunter Suchtmittel wie Alkohol oder Drogen nehmen direkt Einfluss auf diese Botenstoffe und beeinflussen unsere Empfindungen. Diese Beeinflussung eröffnet scheinbar attraktive Möglichkeiten: Drogen, Alkohol und gewisse Medikamente ermöglichen ein zum Selbstbild unpassendes emotionales Erleben zu beenden oder ein gewünschtes emotionales Erleben herbeizuführen. Alle Suchtmittel regulieren kurzfristig die Empfindung von Schmerzen, insbesondere auch die Wahrnehmung von psychischem Schmerz. Psychische Probleme lassen sich kurzfristig ausblenden.

Der Konsum von Drogen oder Alkohol ist der «garantierte» Ausweg und eine Flucht vor psychischen Belastungen. Der Ausweg wird jedoch zur Sackgasse beziehungsweise führt er zu einem Teufelskreis: Nach dem Abklingen der Substanzwirkung tritt die Ursache für die psychischen Probleme wieder in den Vordergrund. Nach der positiven Erfahrung, die Probleme ausblenden zu können, ist die Verlockung gross, erneut zur Substanz zu greifen. Mit wiederholtem Konsum entsteht körperliche Toleranz und man benötigt mehr von der Substanz um den gewünschten Effekt zu erzielen – man wird abhängig. Der Teufelskreis beginnt und er führt am Ende vieler Suchterkrankungen nicht selten zum Tod des Betroffenen.

Leidensdruck und Eigenmotivation reichen oftmals nicht zur Suchtbewältigung.

Sucht wird unbehandelt zum puren Selbstzweck. Suchtmechanismen vermischen sich schleichend mit gesunden Strategien zur Bedürfnisbefriedigung und hindern die Betroffenen an einer selbstbestimmten Lebensweise im Einklang mit der Umwelt. Substanzmissbrauch ist meist ein anerkennenswerter Versuch der psychischen-emotionalen Problemlösung und liefert Hinweise auf bestehende Konfliktschemata und reale Problemstellungen der Betroffenen. Bei erlebter Machtlosigkeit gegenüber dem Substanzkonsum mit Kontrollverlust über die normale Lebensführung steigt der Leidensdruck der Betroffenen. Wenn das Leiden zu gross wird, können sich einige dieser Personen aus eigener Kraft motivieren und alternative, unschädliche Bewältigungsstrategien entwickeln. Andere aber schaffen dies nicht aus eigener Kraft und benötigen professionelle Hilfe, bei ihnen hat sich zu diesem Zeitpunkt das Suchtverhalten meist bereits gefestigt und die Schäden sind offensichtlich, die Notwendigkeit für Veränderung ist zwingend.

Es ist in unserer Gesellschaft eine noch immer weit verbreitete Annahme, dass Sucht oder Abhängigkeitserkrankungen vor allem eine Charakterschwäche seien und Süchtige sich doch einfach „zusammenreissen“ sollen. Dies ist ein Irrglaube. Es besteht wissenschaftlich empirisch kein Zweifel daran, dass es sich um eine chronische Erkrankung des Hirns handelt, die mit den richtigen Methoden, Entzug und Therapie erfolgreich behandelt werden kann. Ohne psychotherapeutische Unterstützung, mit gleichzeitiger Veränderung des Konsumverhaltens und dem (Wieder-) Erlernen gesunder Bewältigungsstrategien, ist der Ausstieg aus der Sucht äusserst schwierig und führt zum inneren und äusseren Rückzug vom Leben.

Das Zusammenspiel verschiedener Faktoren führt zur Sucht.

Der kanadische Psychologe Bruce Alexander hat in seinem Experiment «Rat Park» von 1981 Erstaunliches beobachtet: Ratten, die isoliert und aus ihrem sozialen Verband gelöst wurden, konsumierten lieber eine Morphin-Wasser-Lösung als eine Zucker-Wasser-Lösung, und zwar bis zum tödlichen Ausgang. Wurden diese Ratten hingegen in einem für sie angelegten Rattenpark gehalten, wo sie genügend Beschäftigungsmöglichkeiten, Spielzeug und dem natürlichen Umfeld entsprechende soziale Interaktionsmöglichkeiten vorfanden, zogen die Versuchstiere die natürlichen Belohnungen der Droge (Morphin) vor. Dieses Beispiel zeigt, dass es sich bei Suchterkrankungen nicht nur um eine spezifische Substanz dreht, sondern dass verschiedene Faktoren mitspielen. Diese Faktoren spielen bei der Behandlung eine grosse Rolle. Um gesunde Bewältigungsstrategien für psychische Belastungen entwickeln zu können, sind ein soziales Netz und würdige, den natürlichen Bedürfnissen entsprechende Lebensbedingungen entscheidend für die Genesung der betroffenen Personen.

Fazit: Sucht ist keine Charakterschwäche sondern eine Krankheit, die – wenn unbehandelt – nicht selten einen tödlichen Ausgang hat. Um Suchterkrankungen erfolgreich zu behandeln, müssen diese immer in ihrer Gesamtheit betrachtet werden. Ein gesamtheitliches bio-psycho-soziales Modell der Krankheitsentstehung führt zur Notwendigkeit, alle Ebenen der Suchterkrankung zu berücksichtigen und diese entsprechend umfassend zu behandeln.

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Autor: Oliver Neubert, Geschäftsführer